Kettenschaltung einstellen

Nagelneue Shimano 105 Kettenschaltung – gerade an neuen Rädern muss die Kettenschaltung öfter nachgestellt werden, weil sich die Bowdenzüge längen

Kettenschaltung einstellen – ganz einfach

Es gibt zahlreiche Anleitungen im Netz, wie man eine Kettenschaltung von der Pike auf sauber einstellt. Bei den meisten Rädern ist das Schaltwerk allerdings oft nur ganz etwas verstellt und lässt sich sogar ganz ohne Werkzeug mit der Hand einstellen. Ein aufwändiges Grundsetting ist in diesen Fällen völlig überflüssig. Daher habe ich hier mal versucht, eine möglichst zielführende Anleitung mit möglichst wenig Arbeitsschritten zu erstellen. Primär für Shimano-Kettenschaltungen, bei den anderen Herstellern wie Campagnolo und SRAM funktioniert es aber fast genau gleich. Egal ob MTB, Falt- oder Rennrad, in acht Schritten kreise ich typische Probleme mit der Schaltung logisch ein und beginne zunächst hinten am Schaltwerk. Der Umwerfer über den Zahnkränzen vorn kommt weiter unten dran.

> Schaltwerk einstellen am gebrauchten Fahrrad
> Schaltwerk einstellen am neuwertigen Rad
> Umwerfer vorn einstellen
> Fazit Kettenschaltung einstellen

 

Erforderliches Werkzeug:


  • Ein Multitool mit Innensechskantschlüsseln oder ein Inbusschlüsselset
  • Bei manchen Schaltungen wie z.B. Ultegra statt dessen einen Kreuzschlitzschraubendreher
  • Einen Fahrrad-Montageständer oder einen Helfer
  • Eine Kettenmesslehre oder einen einfachen Messschieber bei gebrauchten Kettenschaltungen
  • Bei verschmutzten Rädern Kettenöl und Reinigungsmaterial
  • Evtl. eine Kombi- oder Spitzzange
  • Beim Kettenwechsel einen Kettentrenner

 

Ritzelpaket Shimano 105

Man erkennt, dass die Zähne der Ritzel zur Laufrichtung ab Werk leicht verdreht sind. Dies fördert das Einrasten der Kette auf dem Ritzelpaket.

 

A) Einstellung am gebrauchten Fahrrad

Fall 1: Der Gangwechsel der Kettenschaltung geht nach einiger Zeit nicht mehr so geschmeidig

Lösung: Eventuell muss die Kette nur mal wieder geschmiert werden. Bei dieser Gelegenheit empfiehlt sich auch eine Reinigung aller Antriebsteile. Kratzen Sie den Dreck von den Umlenkröllchen, putzen Sie die Kette mit einem öligen Lappen solange, bis sie wieder glänzt, beseitigen Sie die Ölkrumen im Ritzelpaket. Mit einer Kettenmesslehre oder einem Messschieber können Sie den Zustand der Kette bestimmen. Ist die Kette verschlissen, oder kurz davor investieren Füchse jetzt gleich 15-25,- EUR in eine neue Kette, da diese den gesamten Antrieb schont und wieder schön sauber über die Zahnräder gleitet. Das mache ich beim Cyclocross-Rennrad mit Shimano Ultegra-Schaltung trotz ausschließlicher Straßenbenutzung alle 2.500 Km. Man bemerkt eine neue Kette sofort an geschmeidigeren Schaltvorgängen. Die teuren Zahnräder halten dadurch länger, weil sie durch eine zweit vorgelängte Kette nicht weiter ausnudeln.

   

Fall 2: Das Rad schaltete jahrelang immer gut, aber jetzt kracht die Kette plötzlich immer öfter über die Zahnräder, die Gänge springen raus

Lösung: Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist die Kette und wahrscheinlich auch das Ritzelpaket verschlissen. Nicht selten müssen auch die Zahnkränze getauscht werden. Diese Reparatur ist eher etwas für die Werkstatt, es sei denn Sie haben das passende Werkzeug und die Teile. Dieser Fall tritt gerne bei preiswerteren Kettenschaltungen auf. Schon ab 2.000 Kilometer Fahrleistung kann der Antriebsstrang so verschlissen sein, dass die Kette in den mittleren Gängen keinen Halt mehr findet und mit einem Krachen durchrutscht. Eine weitere, beliebte Fehlerquelle bilden angeknickte oder falsch verlegte Bowdenzüge – auch gern bei neuen Fahrrädern.

 

Einstellschrauben für die Vorspannung des Umwerfers am Schaltwerk

Hand-Einstellschrauben für die Vorspannung des Umwerfersam Schaltwerk. Damit sollte man in 1/4 -1/2 Umdrehungen beginnen.

 

B) Einstellung am neuwertigen Rad

Fall 3: Die Kettenschaltung rasselt und knackt, obwohl das Fahrrad neuwertig ist, der erste oder letzte Gang lässt sich nicht einlegen.

Lösung: Hier ist logisches Vorgehen notwendig, um möglichst wenig Arbeit zu haben und wenig zu verstellen. Der einfachste Fall besteht darin, die Vorspannung des Bowdenzugs etwas zu erhöhen oder zu lösen. Dabei fluchtet die Kette nicht exakt mit dem entsprechenden Zahnrad. Man kann das exakt von hinten mit etwas Mühe sehen und einstellen. Dazu werden lediglich die Einstellschrauben entweder vorn an den Schalthebeln oder am Schaltwerk hinten um jeweils 1/4 Umdrehung mit der Hand verdreht, bis die Kette fluchtet. Wenn kein Montageständer vorhanden ist, hält ein Helfer das Hinterrad hoch. Sie kurbeln dabei die Pedale und schalten die Gänge hoch und runter bis alle Gänge sauber einrasten. Dann erfolgt eine kurze Probefahrt.

 

Die Kette muss genau mit den Kettenröllchen fluchten

Die Kette muss peinlich genau mit den Kettenröllchen fluchten

Fall 4: Zusätzlich zu Fall 3 oder als Einzelfall lässt sich der erste oder letzte Gang nicht einlegen.

Bewegen Sie die Einstellschraube(n) für die Bowdenzugvorspannung zunächst vor 0,5 – 1 Umdrehung oder zurück. Lässt sich der erste Gang immer noch nicht einlegen, erhöhen Sie die Spannung, lässt sich der letzte Gang nicht einlegen, verringern Sie die Bowdenzugspannung mit den Einstellschrauben wieder händisch. In vielen Fällen reicht das schon aus.

Will der erste oder der letzte Gang immer noch nicht, müssen die Außenanschläge des Schaltwerks justiert werden. Sie begrenzen die Reichweite des Schaltwerks und dürfen die Kette keinesfalls über die letzen Zahnräder springen lassen, da dadurch schwere Schäden und Stürze entstehen können, weil sich die überspringende Kette in den Speichen des Hinterrads verhakt. Die Schrauben sind mit H (High= höchster Gang) und L (low=niedrigster Gang) gekennzeichnet. Auch diese Einstellung geht mit einem geduldigen Helfer, besser ist hier aber eindeutig der Montageständer. Verdrehen Sie die jeweilige Schraube des Endanschlags soweit, das die Kette das erste bzw. letzte Ritzel sauber umlaufen kann – aber eben keinesfalls weiter! Bei den Hohen Gängen ist es natürlich ratsam, vorn auf das große Kettenrad zu schalten, damit die Kette nicht quer läuft.

 

Einstellschrauben Kettenschaltung

Einstellschrauben: Der große Pfeil zeigt auf die Bowdenzugklemmung, die beiden kleineren auf die H und L Schrauben, die B-Schraube sitzt am 105er hinten

Fall 5: Der höchste Gang löst sich immer noch nicht einlegen.

Lösung: Wenn Sie zusätzlich zu Fall 4 trotzdem den höchsten Gang nicht einlegen können, kann die Bowdenzuvorgspannung zu stramm sein. Schalten Sie zunächst den Umwerfer vorn auf das große Kettenrad. Lösen Sie am hinteren Schaltwerk die Klemmschraube des Bowdenzugs (oder ganz simpel: Hängen Sie den Bowdenzug am Rahmen einfach aus der Zugöse aus) und bewegen Sie das Schaltwerk manuell in die Position des höchsten Gangs – bzw. auf das kleinste Ritzel. Dazu müssen Sie evtl. zusätzlich noch die H-Schraube, also den Außenanschlag soweit verdrehen, dass die Kette unter dem kleinsten Ritzel exakt fluchtet. Ziehen Sie dann den Bowdenzug mit den Fingern (oder mit Hilfe einer Zange) leicht stramm und drehen Sie die Bowdenzug-Klemmschraube wieder fest. Hinweis: Bei total verstellten Schaltungen oder Fahrrad-Neuaufbauten beginnt man bei der Grundeinstellung der Schaltung mit diesem Schritt 5.

   

Fall 6: Die kleinen Gänge lassen sich trotzdem nicht gut einlegen – die Schraube B ist falsch eingestellt

Die B-Schraube bestimmt den Abstand der Kette zwischen dem kleinen Schaltleitröllchen und dem Ritzelpaket. Der optimale Abstand beträgt 5-6mm. Ist dies zu eng eingestellt, hakelt die Kette beim Runterschalten in die kleineren Gänge. Ist der Abstand zu groß, fühlen sich die Schaltvorgänge träge bzw. zeitverzögert an. Letzteres Problem kann aber auch durch schlecht verlegte bzw. schwer gleitende Bowdenzüge hervorgerufen werden und tritt z.B. gerne bei kälteren Temperaturen im Winter auf.

 

Die Einstellschrauben der Endanschläge für den vorderen Umwerfer

Die Einstellschrauben der Endanschläge für den vorderen Umwerfer

 

Umwerfer vorn einstellen

Fall 7: Die Kette schleift leicht am Umwerfer an den Zahnkränzen

Kommen wir nun zur Einstellung des Umwerfers vorn. Auch hier gibt es die H und L Schraube sowie eine Einstellschraube für die Zugspannung vorn am Schalthebel. Die Einstellungen erfolgen wie oben beschreiben, die Kette sollte im kleinsten und größten Gang möglichste nicht am Umwerfer schleifen, sondern unter Spannung noch 1-2 mm Abstand haben. Bei 11-fach-Ritzelpaketen ist es aber schon fast normal, dass die Kette im kleinsten oder größten Gang leicht am Umwerfer schleift – auch moderne Schaltungen sind hier irgendwann einfach ausgereizt. Überlegen Sie sich einfach, ob sie öfter im ersten oder eher im 22ten Gang fahren und justieren sie die Schaltung dann entsprechend ihrer Vorlieben.

 

Einstellschraube Bowdenzugvorspannung an Shimano 105

Die Einstellschraube erhöht oder verringert die Bowdenzugvorspannung am jeweiligen Schalthebel

   

Fall 8: Das Schaltwerk rattert, knarzt und springt immer noch

Einstellschrauben Bowdenzugvorspannung an Shimano Ultergra

Einstellschraube Bowdenzugvorspannung an Shimano Ultergra

In diesem Fall ist sehr wahrscheinlich das Schaltauge, an dem der Umwerfer befestigt ist, verbogen. Dieses Teil ist empfindlich und kann im Notfall z.B. auf einer Tour notdürftig wieder gerade gebogen werden. Es sollte aber danach unbedingt ersetzt werden, da eine Materialermüdung sehr wahrscheinlich ist. Reißt der Umwerfer ab, kann das Schaltwerk das Hinterrad blockieren und zu schweren Stürzen führen. Mit einem krummen Umwerfer lässt sich jedenfalls kaum mehr sauber schalten. Ein weiterer Fehler sind unsauber vernietete Kettenglieder oder falsche Kettenschlösser. In beiden Fällen verursacht die Kette dann rhythmische Geräusche, die nichts Gutes erahnen lassen: Dünne Rennradketten reißen bekanntermaßen ohne Vorwarnung.

 

Fazit Kettenschaltung einstellen

Das Einstellen einer Kettenschaltung ist eigentlich ganz einfach, erfordert aber Geduld. Nehmen Sie sich ruhig eine Stunde Zeit und machen Sie zwischendurch Probefahrten, um die Schaltung unter Kettenspannung testen zu können. Wichtig ist das Erkennen von bereits verschlissenen Teilen wie Bowdenzügen, der Antriebskette oder Zahnrädern mit ausgenudelten Haifischzähnen samt harzigem Dreck oder sogar Rost, der den gesamten Antrieb stilllegen kann. Sehr praktisch zur sauberen Schaltungs-Einstellung ist ein Fahrrad-Montageständer, den es bei den Lebensmitteldiscountern oft für kleines Geld zu kaufen gibt und jeden Cent wert ist. Ohne diesen und ohne Hilfsperson, die das Hinterrad anhebt ist eine exakte Kettenschaltungseinstellung fast unmöglich. Die Kettenschaltung verstellt sich eigentlich nie von selbst, außer durch extreme Temperaturunterschiede, da sich dann die Bowdenzugvorspannung ändern kann. Wird das Ritzelpaket oder Schaltauge getauscht, ein Bowdenzug gewechselt oder eine neue Tretkurbel montiert, wird eine Neueinstellung Pflicht, denn hier zählt jeder halbe Millimeter. Es lohnt sich jedenfalls die Schaltung so präzise wie möglich einzustellen, denn nichts ist beim Radfahren so schön, wie sauber schaltende Gänge.

 

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