SIMSON SR50 Roller
Die Bezeichnung „SR50“ steht bei SIMSON für „Stadtroller“ mit 50ccm. Trotzdem darf er trotz Versicherungskennzeichen gute 60 km/h laufen, dank einer Ausnahmegenehmigung sogar heute noch. Die Voraussetzung dafür ist, dass der Roller in der früheren DDR mal angemeldet war. Das macht die SIMSON-Modelle heute natürlich sehr attraktiv. Es ist damit das mit Abstand schnellste Zweirad, das man in Deutschland mit einem einfachen PKW-Führerschein fahren darf. Seit ich im Anschluss an meine Rollerära ein noch viel älteres MZ-Motorrad von 1969 restauriert habe, steht mein SR50 Baujahr ’90 fast nur noch in der Garage. Grund genug ein paar schöne Fotos zu zeigen und nach Jahren als Rollerfahrer rückblickend über die recht ungewöhnliche DDR-Roller-Konstruktion zu berichten.

simson-sr50-logoDer SR50 ist der Nachfolger der legendären Schwalbe und profitiert bei den Modellen mit guter Ausstattung von den letzten Verbesserungen, die in den späten 80er Jahren in der DDR noch realisiert wurden: Kontaktlose Zündung, 12V Elektrik, Halogenlicht, sparsame Vergaser, verstellbare Federbeine hinten. Dafür hat er vor 30 Jahren auch ein paar neue Kinderkrankheiten bekommen, die die legendäre Schwalbe nicht hatte, wie z.B. eine sich ständig lösende Kümmermutter, eine durchschlagende Gabel bei Vollbremsungen und ein oft  abgerissener Kunststoffkotflügel hinten, der so weit heruntergezogen ist, dass er bei Bordsteinüberfahrten gerne aufsetzt. Viele diese Kinderkrankheiten bekommt man heute mit den richtigen Teilen und Know-how in den Griff. Werden alle Reparaturen gewissenhaft durchgeführt, läuft ein SIMSON-Roller normalerweise zigtausend Kilometer sehr zuverlässig und ist extrem wartungsarm. Bis dahin ist es aber oft ein harter Weg, denn es gibt eine Menge Bastelkisten auf dem Gebrauchtmarkt. Viele davon entpuppen sich als sündhaft teures Restaurationsobjekt für Liebhaber, denn diese Zweiräder sind mittlerweile auch schon 25 Jahre alt und durch Generationen von jugendlichen Schrauberhänden gegangen.

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Besonderheiten des SIMSON SR50

SIMSON SR50  Alle SIMSON-Modelle basieren auf einem schlauen Baukastenprinzip, das damals in der DDR bei der Herstellung der verschiedenen Modelle viel Geld sparte. So ist z.B. der Auspuff bei allen neueren 80er-Jahre Modellen gleich. Dies habe ich zum Anlass genommen, die wunderschöne Chromtüte mit dem gelochten Hitzeschutz des SIMSON Enduromodells zu verzieren. Der Kotflügel hinten ist gerissen und wurde einfach etwas höher montiert. Der Tank muss in der Winterpause immer voll mit Benzin sein, damit er von innen nicht rostet. Mittlerweile fahre ich nur noch mit vollsynthetischem Zweitaktöl, da sich sonst der Auspuff ca. alle 5.000 km mit Ölkohle zusetzt.

 

SIMSON SR50 Roller  Die Kniebleche sind bei Regen Gold wert, denn der Fahrer bleibt dahinter weitgehend trocken. Leider sind sie aus so dünnem Blech gefertigt, dass sie gerne Vibrationsrisse bekommen. Vibrationen machen auch den serienmäßigen Rückspiegel unbrauchbar. Dieser wurde von mir durch ein wesentlich stabileres Exemplar eines MZ-Motorrads ersetzt. Prinzipiell hätte ich ihn noch schwarz lackieren müssen. Auffällig für einen Roller ist auch die nach unten geneigte Lenkerkröpfung, die stundenlange Fahrten völlig ermüdungsfrei möglich machen. Im oberen Bild ist noch der praktische „Tütenhalter“ zu erkennen, den ich im Alltag gern als Schlosshalterung benutze.

 

SIMSON SR50 Roller  Der luftgekühlte 50 ccm Motor ist als echtes Kraftpaket bekannt. Entwickelt wurde er zusammen mit dem fußgeschaltetem Vierganggetriebe für die steilen Berge im Thüringer Wald. Für einen Roller sehr ungewöhnlich ist die Lage als Niederflurmotor zwischen den Beinen wie beim Motorrad. Der dadurch sehr niedrige Schwerpunkt macht sich in der für einen Roller wirklich außergewöhnlich guten Straßenlage bemerkbar. Dafür ist der Motor konstruktionsbedingt leicht nach vorn gekippt eingebaut, was das Messen des Ölstands zum Glücksspiel macht. Auch die gummigelagerte Motorhalterung hält nicht immer ein ganzes Rollerleben durch.

 

simson-sr50-motor-bing-vergaser  Durch die Lastwechsel beim Anfahren und Schalten bewegt sich der Motor so stark, dass die Krümmerbefestigung auf Dauer durch einen flexiblen Kugelflansch mit Federn ersetzt werden muss. Andernfalls zerstört man durch ständiges Nachziehen der Mutter das Krümmergewinde des Zylinders. Auf dem Foto sieht man auch, dass ich statt des BVF-Vergasers einen BING-Vergaser der letzten Serie montiert habe. Dieser belohnt mich mit sparsamem Verbrauch von weniger als 3 Litern Gemisch bei einer dauerhaften „Fast-Höchstgeschwindigkeit“ von 55km/h sowie mit absoluter Wartungsfreiheit durch seine modernere Konstruktion.

 

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SIMSON SR50 Roller  Das sogenannte „Kombi-Instrument“ ist aus Kunststoff und gehört einfach zum spröden DDR-Charme der 80er Jahre. Bergab sind unfrisiert Spitzengeschwindigkeiten von knapp 80 km/h möglich. Es gab als SIMSON-SR80 auch eine 70ccm-Version, die noch schneller war, deshalb geht der Tacho bis 100. Die Tachonadel hat noch keine Zeigerdämpfung und wackelt deshalb heftig. Was wirklich fehlt ist eine Benzinuhr bzw. zumindest ein Tageskilometerzähler. Eine Tankfüllung reicht nur für knapp 200 km. Ein zusätzlicher Fahrradtacho hilft mir, die exakte Geschwindigkeit zu bestimmen und fungiert als praktischer Tageskilometerzähler.

 

SIMSON SR50 Roller  Die Räder des SR50 sind mit 12 Zoll für einen Roller ziemlich groß. Zusammen mit den relativ schmalen Reifen ergibt sich ein präziser Geradeauslauf und ein ruhiges Fahrgefühl auch auf schlechten Straßen Viele Städte im Osten der Republik haben ja Kopfsteinpflaster. Die Teleskopgabel entpuppt sich mit den weichen Federn leider als echte Luftpumpe. Trotz unglaublichen 13 cm Federweg schlägt die Gabel bei scharfen Bremsungen gerne durch. Es gibt lediglich hydraulische Endanschläge, die Gabel selbst ist ungedämpft. Der Einbau verstärkter  Federn hilft das Problem zu mindern. Die letzten Modelle des SR50 sind mit einer erheblich besseren Marzocchi-Gabel ausgestattet.

 

SIMSON SR50 Roller  Nach knapp 14.000 gefahrenen Kilometern in 3 Jahren kenne ich mich mit dem SR 50 bestens aus. Der Roller bietet noch heute ein sehr intensives Zweitakt-Fahrerlebnis fast wie ein hochgezüchtetes Kleinkraftrad aus den 70er Jahren. Es macht unglaublich viel Spaß damit durch die Gegend zu düsen. Ich habe anfangs sehr viel Zeit in die Reparaturen gesteckt und sogar eine eigene SIMSON SR50 Website erstellt, auf der alle Tipps und Tricks nachgelesen werden können. Rückblickend hätte ich die Zeit auch in eine komplette Motorradrestaurierung oder in eine noch ältere SIMSON stecken können. Aber es war eine gute Lehre, um sich mit den Ost-Zweirädern und uralten Mopeds richtig anzufreunden. Nach jeder Fahrt frage ich mich heute oft, warum ich eigentlich nicht öfter mit diesem DDR-Youngtimer fahre. Der kräftige Motor verbreitet mit seinen knapp 4 PS ein absolutes Zweitaktfeeling mit sattem Sound, die supercoole Fußschaltung sorgt für ein Motorradgefühl. Der beste Einsatzzweck für den SR50 stellt sich immer an sehr heißen Tagen im Hochsommer ein, wenn das Motorradfahren mit Schutzkleidung und Stiefeln zur Tortur wird. Beim Einkaufen in der Stadt oder für ausgiebige Fahrten ins Grüne ist der alte Blechroller einfach  unschlagbar. Außer vielleicht von schönen Fahrrädern…

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SIMSON SR50 Fakten


  • Luftgekühlter 50ccm Zweitaktmotor mit 3,7 PS bei 5500 U/min, 5 Nm, 4-Gang Fußschaltung
  • Höchstgeschwindigkeit 60km/h, Verbrauch 2,8 – 3l, ca. 180-200 km Reichweite
  • Zulassungsfrei mit Versicherungskennzeichen, kein TÜV, keine KFZ-Steuer, keine AU
  • Baujahre Ost-Version 1986-1990, danach auf 50km/h gedrosselte West-Versionen
  • Gewicht ca. 85 kg, zulässiges Gesamtgewicht max. 174 kg, Tankinhalt 6,5l, 1:50 Gemischschmierung
  • 130mm Simplex Trommelbremsen,
  • Seitengepäckträger mit 10 kg Zuladung, Kindersitz, Anhängekupplung & Anhänger optional erhältlich
  • Frühe Baujahre und einfache Ausführungen haben nur 3 Gänge und eine spartanische 6V-Elektrik
  • Mein Credo: Nicht frisieren – die Leistung reicht aus, der Roller bleibt zuverlässig & es gibt keinen Ärger