Test Chainrunner - Kettenschutz am Rad

Dieses Jahr im Herbst nahm ich mir vor, hin und wieder auch bei Schmuddelwetter mal mit dem Rad in den Winter hinein zu fahren. Alles, was mir dazu noch fehlte, war ein dezenter Kettenschutz für meinen offenliegenden Kettenantrieb. Das Wasser spritzt vom Vorderrad trotz Schutzblech immer fleißig auf die Kette und wäscht das Öl ab. Dazu muss es nicht mal regnen – eine nasse Fahrbahn mit ein paar Sandkörnern reicht für knirschende Geräusche aus.

Leider gefallen mir die plumpen Kettenschutz-Vollverkleidungen an Fahrrädern überhaupt nicht. Erst seit meiner alten MZ mit vollgekapseltem Kettenschutz weiß ich, wie verschleißarm selbst eine hochbeanspruchte Kette laufen kann: Nach meiner Erfahrung 3-5 Mal so lange wie an Motorrädern ohne Kettenschutz. Die Kette vor Dreck und Feuchtigkeit zu schützen bringt viel mehr, als das dauernde Schmieren mit noch so guten Ölen. Es ist dann sogar fast überflüssig. Als Kompromiss besorgte ich mir im Internet den “Chainrunner”. Es ist ein geschlitzer Kunststoffschlauch, der genau um die Kette passt und mitläuft. Für Kettenschaltungen ist er deshalb leider ungeeignet. Fahrräder, die ein einzelnes Kettenröllchen lediglich als Kettenspanner nutzen, können den Chainrunner trotzdem montieren.

   

Radfahren bei schlechtem Wetter erfordert einen KettenschutzDer Chainrunner ist die patentierte Erfindung eines Hamburger Fahrradhändlers, der das Produkt seit mehreren Jahren im Internet bzw. bei Ebay direkt vertreibt. Auf meinem Dahon Bullhead Faltrad habe ich mit dem werksseitig montierten Chainrunner-Kettenschutz im Sommer bisher gute Erfahrungen gemacht. Er war immer sehr unauffällig. Aber wie ist es im Winter bei Nässe? Auf dem Foto meines Citiflyers ist gut zu erkennen, dass auf meinem Arbeitsweg raue Wetterbedingungen herrschen. Um den Chainrunner montieren zu können, muss ich zunächst den offenen Schutz des Alfine-Kettenrads beidseitig demontieren, damit der Schlauch nicht eingeklemmt wird.

 

Chainrunner in Original-Verpackung mit Distanzscheiben und AnleitungIn der mitgelieferten Anleitung des Chainrunners wird empfohlen, dass man den äußeren Kettenradschutz mit den fünf mitgelieferten Distanzscheiben und kräftigem Nachbiegen einfach wieder montieren kann, aber ich lasse ihn zum Testen des Chainrunners einfach erstmal ab, bevor ich das massive Aluminiumteil verbiege. Wie sich herausstellt passen die fünf original Innensechskant-Shimano-Schrauben des Kettenrads ohne Aluschutz nur, wenn man sie mit häßlichen Unterlegscheiben hinterlegt. In einem Fahrradladen besorge ich mir deshalb am nächsten Tag fünf kürzere, passende Schrauben

 

ChainrunnerNeben der ausführlichen Montageanleitung gibt es für den motivierten Selbstschrauber noch ein kurzes Video auf Youtube. Allerdings entpuppt sich die Montage des Chainrunners für Ungeübte dann doch als ziemlich fummelig. Erinnern Sie sich noch an das Aufziehen Ihres ersten Fahrradreifens? So ähnlich fühlt sich das an… Wichtig ist, die Kette vorher wirklich penibel zu reinigen, damit der schmierige Dreck nicht gleich in der Kettenschutzhülle gefangen ist. Einmalhandschuhe erweisen sich beim arbeitsintensiven aufmassieren des Chainrunner-Schlauchs auf die fettige Kette als sehr praktisch.

 

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Chainrunner Kettenschlauch

Es gilt dabei den Kunststoffschlauch möglichst gestaucht aufzuziehen, da sonst am offenen Ende eine Lücke entsteht, die die nackte Kette durchblitzen lässt (siehe Foto). Die Lücke wird beim Einfahren des Kettenschutzschlauchs auf den ersten fünf Kilometern eher noch größer anstatt sich zu selbst schließen. Es gibt den pfiffigen Schlauch übrigens auch noch in einer Überlänge. Bei meinem 28er Stevens Citiflyer reichte die Schlauchlänge so gerade aus, nur drei Zentimeter musste ich mit der Schere abschneiden (2,5 cm wären besser gewesen…). Dabei ist es von Vorteil, wenn der Schnitt leicht schräg erfolgt, da die offenen Schlauchenden zumindest am kleinen Ritzel durch den engen Radius einen deutlichen Winkel erzeugen, wie auf dem Foto ebenfalls gut zu sehen ist. Bei meinem Dahon gab es ab Werk jedenfalls keine Lücke im Chainrunner.

 

Geschmierte Kette im ChainrunnerMontierter Chainrunner am Rad

Der montierte “Kettenschutz” macht auf den ersten Kilometern noch leichte Knarzgeräusche und muss etwas eingefahren werden. Dadurch zentriert sich der enge Spalt des Chainrunners quasi von selbst. Nachdem ich die Kette wie in der Anleitung beschrieben ganz leicht geölt habe, waren alle anfänglichen Knarzgeräusche verschwunden. Voraussetzung dafür ist allerdings dass die Kette sauber fluchtet. Bei etwas schiefen Rahmen oder einem leicht versetzten Zahnkranz oder Ritzel werden Geräusche beim Treten wahrscheinlich nie ganz verschwinden. In der Anleitung gibt es auch Tipps, wie man die Kettenlinie mit einem gekröpften Ritzel evtl. selbst optimieren kann. Nach den ersten Kilometern war ich begeistert: Man vergisst den Kettenschutz beim Radfahren einfach, er ist mit 90 Gramm federleicht und die Klamotten bleiben sauber. Eine geniale Erfindung also?

   

Test Chainrunner nach 300 km

Nach 300 Kilometern feuchtem Herbstwetter kam dann das böse Erwachen: Beim Fahrradputz traute ich meinen Augen nicht. Meine gute Wippermann-Connex Markenkette rostete vor sich hin, als hätte ich sie ein ganzes Jahr nicht gewartet. Das Wetter war wirklich schlecht, aber in diesem Zustand hatte ich meine Kette noch nie gesehen, zumal noch kein Salz oder Taumittel auf den Straßen liegt. Das muss an dem Chainrunner liegen, denn wenn Wasser in den Schlauch reinläuft, kann es nur über Verdunstung wieder heraus – und das dauert.

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Ich habe die Kette jetzt etwas dicker eingeölt und werde sie über den Winter weiter beobachten. Wahrscheinlich ist der Chainrunner eher für Schönwetterradler gemacht, die primär einen Schutz für Ihre Kleidung suchen. Denn neben dem Wasser, werden sich in dem Schlauch auch Sand und Dreck sammeln. Zusammen mit Öl ergibt das eine Schleifpaste, die wahrscheinlich mehr Material abträgt, als ganz ohne Kettenschutz, denn dann kann der Dreck einfach abfallen. Mein vorläufiges Fazit: Im Sommer ist der Chainrunner brauchbar, im Winter ist er zumindest bei Nässe kein Ersatz für einen echten Kettenschutz. Trotzdem werde ich ihn bei Schnee in diesem Winter weiter testen und hier berichten.

 

Nachtrag Februar 2018

Ich fahre den Kettenschlauch auch im neuen Jahr über den Winter noch immer. Allein im Januar 2018 über 300 km Pendlerstrecke bei Temperaturen von 1-8 Grad. Er läuft unauffällig mit.

Meine Frage derzeit: Wie sieht die Kette aus, wenn ich den Chainrunner nach dem Winter entferne? Und wie hätte die Kette nach dem Winter ohne Schlauch ausgesehen? Ich wette, das bleibt ein Geheimnis. Mein Gefühl polarisiert: Einerseits schützt der Chainrunner vor Spritzwasser, Taumittel, Staub direkt vom Vorderrad und vor aufgewirbeltem Dreck des Hinterrads. Andererseits ist es auch ein Schmutzsammler, der die Kette einbalsamiert mit Dreck, Schleifteilchen, Salz und ganz viel Wasser – das viel schlechter verdunsten kann, als ohne den “schützenden” Schlauch. Irgendwie ist die Idee wirklich genial, aber im Alltagseinsatz gibt es so  viele Nachteile gegenüber einem normalen, “Wald und Wiesen-Kettenschutz”, das ich keine ausdrückliche Empfehlung aussprechen kann. Außer an Sommerrädern, wo eine saubere Hose mehr zählt, als eine Kette, die über tausende von Kilometern funktionieren soll.

   

Ich möchte noch anmerken, dass Ketten, die bei Fahrzeugen als Sekundärantrieb direkt im Straßendreck liegen im 21. Jahrhundert außer an Wettbewerbs- und reinen Sportfahrzeugen nichts mehr zu suchen haben. Es ist ein Jammer, dass hier in den letzten 100 Jahren beim Fahrrad und Motorrad nicht längst Kardan-, Riemen- oder schlaue Direktantriebe Fuß gefasst haben. Der Chainrunner versagt bei starkem Regen – nicht nur weil es auf der unteren Kettenlinie reinregnet, sondern vor allem wegen der knackend-spürbaren Geräusche, von ständig eindringenden Körnchen, die in dem Schlauch als gefangene Partikel zermalmt werden. Sie können nicht einfach aus der Kette herausfallen… sondern sind bei der nächsten Kurbelumdrehung als Fremdkörper wieder spürbar.

Ich war mir bei einem Testurteil selten so unsicher wie beim Chainrunner. Irgendwie gibt der geniale Kettenschutz dem Radler ein gutes Gefühl und eine saubere Hose, andererseits versteckt er das messbare Verschleiß-Ergebnis unsichtbar unter einem schmutzigen Kunststoffschlauch, der zwar mal eben leicht entfernt werden kann, dessen Re-Montage aber sehr fummelig ist. Vor- und Nachteile liegen hier ganz dicht beieinander.