Mit dem Fahrrad über den Deich “Digue à la Mer”

Radtour

Mit dem Fahrrad in der Camargue

Radtour zum LeuchtturmLeuchtturm von La Gacholle

Die schönste Camargue-Radtour über den breiten Deich “Digue à la Mer” führt von  Saintes-Maries-de-la-Mer am alten Leuchtturm von La Gacholle vorbei. Dieser wurde 1882 erbaut, im zweiten Weltkrieg teilweise zerstört, wieder aufgebaut und läuft seit 1996 automatisiert. Daher kann der knapp 20 Meter hohe Turm auch nicht von innen besichtigt werden. Eine solargespeiste 40W-Halogenlampe warnt Schiffe schon bis zu 20 km vor der Küste vor drohenden Untiefen. Auf der Weiterfahrt Richtung Salin-de-Giraud durchquert man ab hier faszinierende, unberührte Natur. Hier trifft man kaum noch eine Menschenseele und kann in alle Richtungen mehrere Kilometer weit gucken. Dies ist die “Tour der drei Leuchttürme”. Der Deich trennt die Salzwiesen vom trübe wirkenden Meer, auf dem Rad stellt sich ein Gefühl von völliger Raum-Freiheit ein, ähnlich einer Wüstendurchquerung. Mein euphorischer Versuch, mit den breiten Reifen  auf dem weichen, salzüberzogenen  Schlick driftend zu fahren scheitert. Es ist viel zu anstrengend und der klebrige Matsch zerrt sofort an beiden Rädern. Schwarze Schlickwürste werden widerspenstig von den Cantilever-Bremsen abgestreift. Ich saue mich und das alte Rad fürchterlich ein…

   

Nicht ganz sicher, ob wir uns verfahren haben, drehen wir nach einigen Warnschildern für unbedarfte Touristen um. Nach zwei Stunden Radfahren fehlt uns nach einigen Abzeigungen einfach eine richtige Karte  Download hier als DE-PDF – wohlwissend, dass der zweite Teil der Radtour sicherlich viel anstrengender wird. Auf dem Rückweg bläst uns bei schönem Sonnenschein der starke Mistral-Rückenwind nun mitten ins Gesicht. Ich habe selten auf dem Fahrrad unbemerkt soviel Wasser verloren und es durch unstillbaren Durst erst viel zu spät bemerkt. Wir fahren durch einen Schwarm großer, schwarzer Libellen und sehen hunderte von rosa Flamingos. Das Licht ändert sich vom grauen Wasserblau der Mittagssonne am späten Nachmittag hin zu einem umgarnend, gelblichen Warmton. Es gibt in der Camargue ein ganzes Repertoire an intensiven Farbeindrücken über den Tag verteilt. Diese Tour über den Deich weit hinaus am Meer ist ein Muss für jeden Camargue- Reisenden! Ob mit dem Rad, auf dem Pferd oder zu Fuß ist Geschmackssache, man sollte sich aber vorher eine Karte besorgen.

Radfahren an traumhaft leeren Sandstränden der Camargue

Mit dem Mountainbike in die CamargueDas Mountainbike ist für diese Camargue-Deichtour auf der Sandpiste besonders gut geeignet. Mit den breiten Ballonreifen kann man auch noch gut am Strand fahren. Im losen Tiefsand geht das aber auch nicht mehr. Besonderen Spaß macht es immer, nah an der Wasserkante zu fahren, da der feuchte Sand dort so hart wird, dass das Rad von selbst zu rollen beginnt. Man sollte natürlich nicht vergessen, dass es sich um korrosionsförderndes Salzwasser handelt, dass binnen von  2-3 Tagen alle ungeschützten Metalloberflächen angreift, auch Aluminium wird dadurch mausgrau. Insbesondere die Kette leidet unter den Strand-Bedingungen besonders.

 

Radfahren am Sandstrand Also vorher und hinterher alle Teile gut einölen oder wachsen. Das direkte Eindringen von Salzwasser in die Lager oder die Bowdenzüge sollte man tunlichst vermeiden, denn es ist dann nur noch eine Frage der Zeit, wann die Teile zerstört sind. Passiert es doch, empfehle ich eine sofortige Demontage mit peinlicher Säuberung und komplett neuer Schmierung. Dafür ist aber zumindest am Tretlager Spezialwerkzeug nötig. Auch das Parken im salzigen Sand auf dem Foto tut den Rädern nicht sonderlich gut, wie wir einige Wochen später gesehen haben.

 

 

Radfahren am Strand in Saintes-Maries-de-la-MerWer mal gesehen hat, wie Fahrräder nach ein paar Jahren Strand-Benutzung durch Sonne, Sand und Salzluft rein optisch aussehen, wird vorsichtig. Aus diesem Grund habe ich auch mein altes Rad mitgenommen. Trotzdem ist das Radfahren direkt an der Meeresbrandung ein wirklich sehr schönes Erlebnis. Durch die riesige Fläche und den Mistral sind die Strände in der Camargue oft so leer, dass man niemanden stört. In Saintes-Maries-de-la-Mer gibt es übrigens in der Ortsmitte einen Fahrradladen mit Fahrradverleih. Ein gutes Schloss, Licht und einen Helm bringt man wie immer am besten von zuhause mit.

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Saintes-Maries-de-la-Mer und die Umgebung

Innenstadt von Saintes-Maries-de-la-MerAls beliebtes Kultur-Zentrum der Camargue präsentiert sich der uralte Wallfahrtsort  Saintes-Maries-de-la-Mer. In den 60er Jahren als Geheimtipp gehandelt mutierte der Ort von ehemals 680 Einwohnern in eine beliebte Touristenmetropole, in der es im Sommer laut Reiseführer extrem voll werden kann. Aufgrund des historischen Alters und des von Bausünden weitgehend verschonten Städtchens, können sich die Feriengäste zumindest in der Nebensaison noch heute über eine gewisse Idylle und südfranzösischer Authentizität erfreuen. Noncharlante Fressbuden gibt es trotzdem en masse.

 

Blick von der Kirche auf Saintes-Maries-de-la-MerEine mitgewachsene Infrastruktur macht es möglich: Es gibt einen kleinen Hafen, Bootstouren ins Brackwasser, Parkplätze für 100de von Autos, Supermärkte, Caravanstellplätze und sogar spezielle Hundetoiletten in Strandnähe. Der Wallfahrtsort existiert bereits seit dem vierten Jahrhundert, verfügt über eine alte Kirche aus dem 12. Jahrhundert und ist im Mai ein beliebter Treffpunkt der Gitans – meist spanischstämmige Roma. Das Dach von  Notre-Dame-de-la-Mer kann gegen eine kleine Gebühr besichtigt werden, man genießt eine sehr schöne Aussicht über die Altstadt und das grüne Umland der Camargue.

 

Vogelpark CamargueEtwas weiter nördlich von Saintes-Maries an der D570 liegt der schöne Tierpark  “Parc Ornithologique du Pont De Gau” indem man vor allem sehr viele Vögel beobachten kann, die nicht in Gefangenschaft leben müssen. Ich empfehle für den Besuch im dichten Schilf ein Mückenmittel oder lange Kleidung und mindestens zwei Stunden Zeit mitzubringen. Wer gute Fotos machen möchte, braucht eine Zoomkamera und sollte die Mittagszeit meiden.

 

 

 

Flamingos in der Camargue Flamingos können mit ihrem Seihschnabel Plankton aus dem Wasser filtern. Sie werden stehend bis zu 1,55 m groß, erreichen Fluggeschwindigkeiten von bis zu 60 km/h und sind -wie die meisten Wasservögel – natürlich sehr gute Schwimmer. Die langen, dünnen Beine ermöglichen das sichere Stehen im Wasser. Interessant fand ich persönlich, dass die Nahrungsaufnahme tagsüber und auch nachts erfolgt. Neben dem Plankton werden auch kleine Schnecken und Fische erbeutet.

 

   

 

Aigues Mortes, Le Grau-du-roi und Port Camargue

Aigues MortesWer in der Camargue eine längere Fahrradtour machen möchte, kann die interessanten Orte Aigues Mortes, Le Grau-du-roi oder in östlicher Richtung natürlich  Arles besuchen. Von Saintes-Maries nach Le Grau-du-roi sind es ca. 30 km, die wir über die stark befahrene D58 mit dem Auto gefahren sind. Mit dem Rad bietet sich eine Nebenroute über die weniger frequentierte D85 an.
 Aigues Mortes ist ein historischer Ort, der schon 100 Jahre vor Christus existierte. Besonders interessant sind die vollständig erhaltene Stadtmauer, die idyllische Altstadt und die alten Türme.

 

Tour de constance in der CamargueEin besonderes Highlight ist sicher der geschichtsträchtige  Tour de constance mit sechs Meter dicken Mauern. Die Altstadt versprüht den Flair vergangener Jahrhunderte. Aufmerksame Besucher entdecken in der alten Stadtmauer hunderte von Einschusslöchern. In jeder Schießscharte, so könnte man meinen, steckt hier noch der Geruch von Schwarzpulver. Das Zentrum ist fast Autofrei, die südfranzösischen Anwohner achten auf stilechte Details Ihrer Häuser. Größere Supermärkte liegen etwas außerhalb vor der Stadt. Der uralte Ort ist noch ohne Eintritt zu besichtigen und lädt zum verweilen ein. Fahrräder können sehr gut geschoben-  bzw. abgestellt werden.

 

Radtour nach Le Grau-du-roi

Nur fünf Kilometer weiter liegt der Touristenort  “Le Grau-du-Roi”. Hier verbrachte ich schon mal 1981 mit meinen Eltern die Sommerferien und staunte wirklich: Es ist alles noch genau wie vor 35 Jahren bis auf die modern Autos. Unglaublich, mir fiel die Kinnlade runter! Wer Frankreich nicht kennt und diesen Ort an der westlichen Grenze der Camargue betritt, bekommt sofort ein Gefühl für das typisch französische Leben im Süden. Alles ist etwas heruntergekommen, aber gerade dafür sehr liebenswert.

 

 

La Grande-Motte

Das Radfahren in dem Gewusel aus schmaler Durchgangsstraße und Fußgängerzone wird etwas schwierig, am besten man stellt den Drahtesel diebstahlsicher ab und schlendert vom Hafen bis zum Meer. Es gibt unzählige Restaurants und Cafés. Dort sieht man dann deutlich den größten Yachthafen Europas: Port Carmargue und daneben  “La Grande-Motte” mit seiner unglaublichen Pyramiden-Skyline aus den 60er Jahren, gestaltet von Architekt Jean Balladur. Von hier aus sind es nur noch 25 km bis zur Großstadt  Montpellier, die ich persönlich ebenfalls für sehr sehenswert halte – nicht nur mit dem Fahrrad.

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Tipps für das Radfahren in der Camargue


  • Nicht in Frankreichs Ferienzeit anreisen, alle Unterkünfte sind dann belegt, alles ist teuer und viele Menschen sind genervt
  • Saint-Maries-de-la-Mer ist in der Nebensaison ein wesentlich angenehmerer Ort, als in der Hauptsaison
  • Die Mittagszeit von 11.30 – 16.00 Uhr verbringen viele Franzosen in aller Ruhe zu Tisch. Dieses Ritual ist heilig und sollte als feste Pausenzeit respektiert werden. Für zeiteilige Deutsche mit einem Platten ohne Flickzeug wird man dann z.B. kaum Verständnis aufbringen können.
  • Einheimische aus der Camargue wirken manchmal weniger gastfreundlich. Man bleibt gern unter sich und verteidigt sein Grundstück kaltblütig mit Stacheldraht. Wer sich tiefer in gute Camargue-Reiseführer liest, findet aber nachvollziehbare Gründe für dieses Verhalten.
  • Ein paar Worte der französischen Sprache sind noch immer oft der Schlüssel für eine erfolgreiche Kommunikation
  • Standard-Fahrräder kann man in der Nebensaison leihen, wer gutes Material möchte, bringt sein Rad lieber selbst mit
  • In der Hauptsaison sind oft alle Räder verliehen, einige Vermieter bieten aber selbst Leihräder an – am besten bei der Buchung fragen
  • Der Mistral wird oft unterschätzt. Er hat erheblichen Einfluss darauf, wie lange eine geplante Tour wirklich dauert.
  • Beim Radfahren lieber etwas mehr Wasser als üblich mitnehmen. Durch die Menschenleere gibt es sonst oft echte Durststrecken.
  • Die größeren Verbindungsstraßen der Orte mit dem Fahrrad möglichst meiden, hier wird oft schnell und rücksichtslos gefahren
  • Für die kleinen, idyllischen Straßen, Wege und Pisten kauft man sich am besten eine Camargue-Karte oder nimmt diese digital mit
  • Ein heftiger Mückenschutz war im September nicht nötig, in der Dämmerung und im Schilf muss man sich aber schützen
  • Die Camargue ist ein Paradies für seltene Vögel und Ornithologen, entsprechend respektvoll leise bewegt man sich durch die Natur